Das Märchen vom Verständigungsfrieden

In den letzten Jahren erschienen unzählige Bücher, Aufsätze und Zeitungsartikel, die den ersten Weltkrieg zum Thema haben und immer wieder wird Deutschland einseitig vorgeworfen, einen Siegfrieden angestrebt zu haben und damit sein Unglück 1918 selbst verschuldet zu haben.

In dem Buch von Brigitte Hamann „Der Erste Weltkrieg“ klingt das dann stellvertretend für viele Stimmen so: „Die Friedensfrage spitzt sich in Deutschland zu. Siegfrieden mit Annexionen oder Verständigungsfrieden ohne Annexionen. Hindenburg und die Alldeutschen wollen den Siegfrieden. Auf der anderen Seite steht immerhin die Mehrheit des Reichstags mit Zentrum, SPD und anderen Parteien, die sich – freilich ohne etwas zu bewirken – für den Verständigungsfrieden aussprechen, ebenso wie der Reichskanzler Bethmann-Hollweg. Dieser muß im Juli auf Ludendorffs Betreiben zurücktreten…“

 

Diese Darstellung erweckt gleich mehrere falsche Eindrücke. Zunächst einmal sieht das so aus, als ob Deutschland die Wahl hatte zwischen einem Siegfrieden und einem Verständigungsfrieden. Das hätte aber vorrausgesetzt, daß auch die Entente zu einem Verständigungsfrieden bereit war. Und das war sie nicht. Die Entent-Staaten England und Frankreich haben den gesammten Krieg über  J E D E S   Angebot für einen Verständigungsfrieden abgelehnt, selbst keines gemacht und den gesammten Krieg über  I M M E R   als Vorraussetzung für einen Friedensschluß die 

B E D I N G U N G S L O S E   Kapitulation

der Mittelmächte gefordert.

Auch die Erwähnung Hindenburgs und Ludendorffs in diesem Zusammenhang ist irreführend, da es Aufgabe der OHL war den Krieg zu führen. Friedensverhandlungen und das Aushandeln von Friedensbedingungen gehörten laut Verfassung in das Ressort des Reichskanzlers, die OHL hatte damit nichts zu tun. Die Aufgabe der Militärs war es den Krieg zu führen und militärisch zu GEWINNEN.  J E D E S  Militärische Oberkommando führt Krieg mit dem Auftrag, diesen Krieg zu gewinnen, es gibt in der Geschichte keine Regierung, die ihr Militär in einen Krieg schickt mit dem Auftrag, mal so ein richtig schönes Unentschieden rauszuholen, den Gegner bloß nicht zu sehr fertig zu machen. Natürlich war es Ludendorffs und Hindenburgs  A U F T R A G  zu  S I E G E N, so wie es Fochs, Pershings und Haigs Auftrag war militärisch zu  S I E G E N  . Lediglich wenn in Schlachten keine Partei die Oberhand erlangt und beide Seiten langsam aber sicher ermatten, die eine Seite schneller als die andere – wie das in Russland 1917 der Fall war – einigt man sich auf einen Verständigungsfrieden, mit dem beide Seiten leben können.

Zu den bedeutenderen Friedensangeboten 1914-1918 zählen:

  • Das deutsche Friedensangebot Weihnachten 1916
  • Die Friedensnote Präsident Wilsons fast zu selben Zeit
  • Die Friedensnote des Papstes 1917
  • Die Friedensresolution des Deutschen Reichstages 1917
  • Der 14-Punkte Friedensvorschlag von Präsident Wilson 1918
  • Die Österreichische Note „An Alle“ im Herbst 1918
  • Das deutsche Angebot Ende 1918 auf Grundlage der 14-Punkte Wilsons zu verhandeln

Deutschland hat von sich selbst aus mehrmals Friedensverhandlungen angeboten, 1916 zu einem Zeitpunkt militärischer Stärke und hat mehrmals erklärt auf Grundlage auch der Friedensnote des Papstes sowie der 14 Punkte Wilsons und dem österreichischen Angebot zu verhandeln. Desweiteren hat der Reichstag mit seiner Friedensresolution im Frühjahr 1917 sich klar zu Friedensverhandlungen auf Basis eines Verstädnigungsfriedens bekannt.

Die Entente dagegen – ausser Russland und die Balkanstaaten – haben sämtliche Friedensangebote und Verhandlungen abgelehnt mit der Erklärung, daß sie allein die bedingungslose Kapitulation der Mittelmächte anstreben und jeden Verständigungsfrieden ablehnen.

Die Entente tat dies nicht zuletzt im Vertrauen auf Präsident Wilson, der von Beginn an England und Frankreich zunächst wirtschaftlich unterstützte und England bereits 1916 im Ernstfall die militärische Unterstützung zusagte, für den Fall, das Deutschland und seine Verbündeten militärisch die Oberhand erlangen sollten. In dem House-Grey Memorandum hatte Mandell-House bereits 1916 der britischen Regierung versprochen, daß im Fall eines möglichen deutschen Sieges der Präsident der USA eine Friedensnote an die Kriegführenden Mächte richten würde, die so gehalten sei, daß sie für Deutschland mit unannehmbaren Bedingungen wie Gebietsabretungen verbunden sei und man davon ausgehe, daß Deutschland diese Note ablehnen würde, worauf die USA dies zum Vorwand nehmen würden, um Deutschland dann offiziell den Krieg zu erklären.

Mit dem Vorfall um die Lusitania und dem 1917 wieder eingeführten uneingeschränkten U-Boot Krieg ergab sich dann eine noch elegantere Lösung, aber defacto hatte Deutschland keine Chance. Für den Fall einer deutschen Siegesmöglichkeit hatte sich Wilson verpflichtet auf Seiten Großbritanniens einzugreifen. Die Entente-Staaten konnten von daher getrost bei ihrer Ablehnung eines Verständigungsfriedens bleiben und von Deutschland die bedingungslose Kapitulation fordern, was sie von 1916 bis Kriegsende dann auch völlig offen getan haben. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang, daß sich in Deutschland noch immer willfährige Journalisten und Historiker finden, die den Eindruck erwecken, Deutschland hätte einen Siegfrieden gefordert – und dabei absichtlich (?) übersehen, daß Deutschland sehr wohl ein halbes Dutzend Mal öffentlich seine Bereitschaft zu einem Verständigungsfrieden erklärt hat, die Entente aber nicht ein einziges Mal sondern  I M M E R  auf die Bedingungslose Kapitulation der Mittelmächte bestand.

Was den Reichskanzler Bethmann-Hollweg betrifft, so war er keineswegs der „Friedensengel“ als den ihn heute manche Leute gerne hinstellen. Er hat nicht nur Deutschland auf merkwürdige dumme Art und Weise in den Weltkrieg geführt – ua durch die übereilte Kriegserklärungen an Frankreich und Russland (gegen den Protest von Tirpitz und den Widerwillen Kaiser Wilhelm), Bethmann-Hollweg hat mit seinen Reden und Andeutungen zur Einverleibung Belgiens und Polnischer Gebiete und seinen mehr als zwielichtigen Reichstagsreden dazu beizutragen, den Kriegsgegnern Argumente zu liefern, Deutschland habe maßlose Kriegsziele (die freilich nie formuliert wurden, eine andere Dummheit, die auf das Konto des Kanzlers geht, der sich 1916 geweigert hat auf Anfrage Wilsons die deutschen Kriegsziele zu benennen, nachdem die Entente Staaten dies ihrerseits getan hatten.)

Auch die immer wieder aufgestellte Behauptung, Hindenburg, Ludendorff und der Kaiser hätten einen Siegfrieden mit Annexionen gefordert ist unrichtig. Richtig ist vielmehr, daß sich alle drei für eine Erhaltung des Status Quo Ante ausgesprochen haben, im Falle von Hindenburg nachweisbar  mit Memoranden aus dem Jahr 1914 bis zu seinen öffentlichen Reden noch 1918 als die deutschen Armeen noch einmal siegreich in Frankreich vorrückten und Hindenburg öffentlich erklärt hatte, dass die OHL in Frankreich und anderen Gebieten einmarschiert ist, lediglich um den Krieg aus Deutschem Gebiet fernzuhalten, aber nicht um Gebiete anderer Länder zu annektieren. Bereits 1914 hatte Hindenburg Forderungen ua der Alldeutschen zurückgewiesen im Osten Gebiete zu annektieren mit dem Hinweis, in diesen Gebieten leben seit Jahrhunderten Slawische Völker deren rechtmäßiger Besitz diese Länder sind und er könne nicht glauben, daß es in Deutschland Menschen gebe, die so niederträchtig seien, anderen Völkern ihr rechtmäßiges Land wegnehmen zu wollen.

Ludendorff mit Pickelhaube

 

 

 

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3 Kommentare zu „Das Märchen vom Verständigungsfrieden“

  1. Ein Verständigungsfrieden deutscherseits war in den Jahren 1914-18 genauso wenig möglich, wie später im II WK. Diese zwei Kriege wurden mit dem Ziel der deutschen Niederlage begonnen und sollten auch so enden und dieses Ziel wurde von unseren Feinden nie aus den Augen verloren. Da sie aber die permanente deutsche Neigung zur Verständigung kannten, wurde Deutschland eben einerseits mit Vorwürfen der Kriegslüsternheit und andererseits mit verzweifelten Apellen an Verständigungsbereitschaft bombardiert. „Zu gut für diese Welt“ fällt mir dazu ein („zu doof“ muss es korrekt heißen).

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    1. sorry, habe Deine Frage erst jetzt gesehen: Die Akten der Obersten Heeresleitung (3.OHL) herausgegeben von Ludendorff; dann die Friedensresulution des Reichstages, die bereits unter Bethmann Hollweg erlassen wurde (gegen der Protest von Hindenburg und Ludendorff)

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