Hindenburg und Ludendorff – Keine Diktatoren im Ersten Weltkrieg

In Büchern, Zeitschriften und sogenannten Dokumentationen über den Ersten Weltkrieg wird immer wieder behauptet, die Führung der dritten OHL – Hindenburg und Ludendorff – hätten im Ersten Weltkrieg wie Diktatoren regiert.

Manfred Nebelin titelt sein 2010 erschienenes Buch gar „Ludendorff Diktator im Ersten Weltkrieg“.

Manfred Nebelin lehrt an der Universität Dresden Neuere und Neueste Geschichte, seine Anmerkungen und Quellenangaben sind sehr umfangreich und enthalten alles wichtige zum Thema OHL und Erster Weltkrieg.

Man kann also von Vorsatz ausgehen, wenn Manfred Nebelin ans Werk geht, die Rolle Ludendorffs im Ersten Weltkrieg völlig falsch darzustellen.

Zunächst einmal ist der Titel – vermutlich gewollt – irreführend: „Ludendorff – Diktator im Ersten Weltkrieg“

Der Titel suggeriert einem nicht vorinformierten Leser, dass Ludendorff den ganzen Ersten Weltkrieg Deutschland beherrscht hat und vermeintlich auch die Schuld an diesem Krieg hat, wobei Manfred Nebelin natürlich klug genug ist, dies niemals auszusprechen.

Zunächst einmal sollte man klarstellen:

Politiker führen in den Krieg, Militärs führen dann den Krieg, nachdem Politiker den Krieg begonnen haben.

Dies trifft auch auf 1914/18 zu. Der Reichskanzler Bethmann Hollweg hatte nach dem Attentat von Sarajewo darauf bestanden, dass Kaiser Wilhelm seine geplante Nordlandfahrt antritt und hat dann in Abwesenheit Kaiser Wilhelms Deutschland an den Rand des Krieges getrieben. Nach Wilhelms Rückkehr – die gegen den Willen des Kanzlers erfolgte – überredete der Kanzler den Kaiser gegen dessen Willen die Kriegserklärungen gegen Frankreich und Russland auszusprechen. Vorher hatte der Kanzler ein Telegramm Wilhelms an den österreichischen Kaiser fehlerhaft übermittelt und die Passage, in der Kaiser Wilhelm den österreichischen Kaiser beschwor, Serbien NICHT den Krieg zu erklären, gestrichen.

Kaum war der Krieg erklärt, eilte besagter Kanzler in den Reichstag und hielt eine an Dämmlichkeit nicht zu überbietende Rede, in der er den Vertrag über die belgische Neutralität als „blossen Fetzen Papier“ verunglimpfte und so die ganze Welt gegen Deutschland aufbrachte.

Nun erst, nachdem Bethmann Hollweg Deutschland in den Krieg geführt hatte, kamen Ludendorff und Hindenburg in das blutige Spiel, beide noch in eher unbedeutenden Rollen. Ludendorff wurde als Beobachter des Generalsstabs nach Belgien geschickt, um über den Feldzug zu berichten, Hindenburg war bereits im Ruhestand und befürchtete, man habe ihn im Generalstab völlig vergessen.

In Belgien riss Ludendorff – vom Generalstab unbeauftragt und unbeabsichtigt – ein Kommando an sich, führte seine Soldaten wie ein Germanischer Feldherr an – also in der ersten Reihe – und erreichte schließlich die Übergabe der Festung von Lüttich duch Verhandlungen, ohne dass ein einziger Schuss fiel, wofür Ludendorff den Pour Le Merite erhielt.

Nach Lüttich wurde Ludendorff in den Osten geschickt um mit dem wieder in den aktiven Dienst berufenen Paul von Hindenburg den Oberbefehlt über die kleine 8. Armee zu übernehmen, die gerade von zwei grossen russischen Armeen bedrängt wurde. Bei Tannenberg gelang Hindenburg und Ludendorff ihr erster grosser militärischer Sieg.

Zu diesem Zeitpunkt 1914 bis Sommer 1916  blieben Hindenburg und Ludendorff im Osten als Chefs von OberOst.

Ihre Vorgesetzten waren:

Militärisch: zunächst die OHL Moltke, dann Falkenhayn

Politisch:   der Reichskanzler

Kaiser Wilhelm

Die Stellung des deutschen Reichskanzlers war von Bismarck selbst für sich selbst konzipiert worden und stattete

den Reichskanzler mit sehr weitreichenden Vollmachten aus, im Grunde konnte der Kaiser politisch gar nicht eingreifen, es sei denn er setzte den Reichskanzler ab.

Sowohl die Reichskanzler, der Kaiser, Falkenhayn als auch Hindenburg waren allesamt Charaktere, die nun nicht gerade als besonders ängstlich und schüchtern galten, jedenfalls war Ludendorff keinesfalls in der Lage oder Position diesen Männern seinen angeblichen Diktatorischen Willen aufzuzwingen und schon gar nicht in der Zeit 1914-1916. Der Titel von Manfred Nebelins Buch ist allein schon von daher äusserst unglücklich gewählt.

Zudem widerspricht Manfred Nebelin sich andauernd selbst, wenn er immer wieder die Auseinandersetzungen zwischen Politik und der 3. OHL beschreibt, zB in der Frage des U-Boot Krieges. Ein Diktator befielt einfach etwas und muss nicht Monatelang herumdiskutieren, bis die Politiker seine Wünsche erfüllen.

Fakt ist: Hindenburg und Ludendorff waren ab Mitte 1916 militärische Oberbefehlshaber und führten Krieg gegen mehr als 30 Staaten. Ludendorff sagte später, er hätte gerne auch noch die politische Führung übernommen, aber das war angesichts der militärischen Lage gar nicht zu bewältigen. Reichstag, Regierung und Kaiser trafen alle politischen Entscheidungen auch weiterhin unabhängig von der militärischen Führung oft auch gegen deren Willen.

Hier nur drei Beispiele, die belegen, dass Hindenburg und Ludendorff nicht einen einzigen Tag während des 1. Weltkrieges über diktatorische Macht verfügten:

  1. Die Ludendorff-Spende: Bereits in den ersten Monaten des Kriegs wandten sich Hindenburg und Ludendorff an Reichskanzler und Reichstag und baten um ein Gesetz zur Versorgung der Kriegsversehrten. Weder Regierung noch Reichstag sahen dafür eine Veranlassung, lediglich die Partei der Alldeutschen untersützte die Forderung Hindenburgs und Ludendorffs. In den Folgenden Kriegsjahren drängte Ludendorff wiederholt die Politik endlich ein solches Gesetz zur Versorgung der Kriegsversehrten zu erlassen, aber vergebens. Anfang 1918 gab Ludendorff schließlich auf, wandte sich in Zeitungsartikeln an das Volk und rief die „Ludendorff-Spende“ ins Leben. Bis Kriegsende kamen über 100 Millionen Reichsmark zusammen, die neue Weimarer Regierung, bestehend aus den Parteien – SPD, Zentrum, Liberale – die das Gesetz zur Versorgung der Kriegsversehrten jahrelang boykottiert hatten, benannten die „Ludendorff-Spende“ dann als erstes um in „Volksspende“. Hätte Ludendorff nur einen einzigen Tag über diktatorische Macht verfügt, Ludendorff hätte wohl als erstes das von ihm so sehr gewünschte Gesetz zur Versorgung der Kriegsversehrten erlassen.
  2. Gründung der Ufa: Bei Übernahme der 3. OHL forderten Hindenburg und Ludendorff von der Politikder feindlichen Propaganda entgegenzutreten und eine Stelle zu schaffen, die den deutschen Standpunkt sowohl dem deutschen Volk als auch dem neutralen Ausland vermittelt. Die Ententestaaten verfügten über eine Presse und Filmindustrie, die die die deutschen als mörderische Hunnen darstellte, die Krankenschwestern vergewaltigen und kleine Kinder töten. Ludendorff verlangte die Errichtung eines Ministeriums, das sich um Presse und Film kümmert. Auch hier musste Ludendorff die Politik drängen, bis endlich 1918  eine solche Stelle gegründet wurde – nicht als eigenes Ministerium, wie von Ludendorff gefordert – sondern als Abteilung des Auswärtigen Amtes. In Sachen Film liess die Politik Ludendorff völlig im Stich,Ludendorff trieb schließlich persönlich die Gründung der Ufa voran. Auch hier muss man sagen, dass Ludendorff als Diktator doch nur einen Befehl hätte aussprechen müssen und sofort wäre ein solches Ministerium geschaffen worden. Dass Ludendorff auch hier mehr als ein Jahr GEGEN die Politik kämpfen musste zeigt ebenfalls, dass Ludendorff nicht über diktatorische Macht verfügte. Auch bleibt Herr Nebelin uns die Definition für Diktator schuldig. Allgemein kann man sagen, dass ein Diktator über die ALLEINIGE Macht verfügt in einem Staat JEDE politische und militärische Entscheidung zu treffen, eben zu diktieren. Dies trifft auf Ludendorff definitiv nicht einen einzigen Tag zwischen 1914 und 1918 zu.
  3. Die Friedensresolution 1917: Am 19.Juli 1917, also rund eineinhalb Jahre vor Kriegsende, verabschiedete der Reichstag mit den Stimmen aus SPD, Zentrum und Liberalen noch unter dem Reichskanzler Bethmann Hollweg eine Friedesresolution, die der Entente einen Verständigungsfrieden anbot. Ludendorff und Hindenburg protestierten vergeblich gegen diese Resolution, und argumentierten, die Entente, die öffentlich verkündet hatte, bis zur bedingungslosen Kapitulation der Mittelmächte weiterzukämpfen, könne sich somit jederzeit bei einer Niederlage auf einen Verständigungsfrieden berufen, während umgekehrt, die Entente nicht bereit war den Deutschen einen anständigen Frieden in Aussicht zu stellen. Sowohl Bethman Hollweg als die drei nachfolgenden Kanzler lehnten das immer wieder vorgebrachte Ersuchen der OHL, diese Resolution zurückzuziehen, ab. Wären Ludendorff und Hindenburg Diktatoren gewesen, hätten sie die Resolution ja wohl mit einem einzigen Befehl verhindern bzw später abschaffen können. Die Resolution zeigt aber auch, dass Deutschland – auch in Bezug auf die Friedensangebote bzw Vermittlung des Kaiser und Präsident Wilsons 1916, später des Papstes und der Einladung der Entente nach Brest-Littowsk , Gesprächsbereitschaft zu einem Verständigungsfrieden signalisierte, während die Entente nach Enthüllung ihrer Kriegsziele 1916 auf Bitten von Präsident Wilson, IMMER auf die Bedingungslose Kapitulation der Mittelmächte bestand und NIEMALS bereit war, Gespräche über einen Verständigungsfrieden zu führen. Als Bethmann-Hollweg 1919 behauptete, Hindenburg und Ludendorff hätten mit ihrer Entscheidung zum unbeschränkten U-Bootkrieg die Möglichkeit eines Verständigungsfriedens mit der Entente sabotiert, meldeten sich überraschend England und Frankreich zu Wort und erklärten, dass Bethmann Hollweg die Unwahrheit sagt und England und Frankreich niemals zu einem Verständigungsfrieden mit Deutschland bereit waren, es sei denn durch ihre eigene militärische Niederlage. Es bleibt natürlich die Frage, warum es gerade in Deutschland so viele Journalisten und Historiker gibt, die den Mythos der Diktatur Hindenburg-Ludendorff aufrecht erhalten. Ludendorff selbst hat immer wieder gefordert, die Ursachen und Hintermänner zu nennen, die die Völker in den 1. Weltkrieg geführt haben. Bis heute wird immer noch von vielen Historikern – darunter auch Christopher Clark  in seinem exzellenten Buch „Die Schlafwandler“  Lloyd Georges These, die Politiker wären in den Krieg hineingeschlittert – vertreten, was wohl kaum der Wahrheit entspricht. Ein Krieg mit so vielen Millionen Toten ist nichts, das so nebenbei entsteht. Solch ein Krieg wird von langer Hand vorbereitet, dazu gehören auch die französischen Zahlungen zum Ausbau des russischen Eisenbahnnetzen und die nie veröffentlichten Akten zu den Geheimverträgen und Gesprächen im Vorfeld des Krieges. Auch die „verschwundenen“ Aufzeichnungen zu der Poincaré-Reise nach Russland, unmittelbar vor Kriegsausbruch 1914. Denn es sollte doch wohl klar sein, dass nicht Hindenburg und Ludendorff die Schuld an diesem Krieg tragen, sondern die Politiker, die die Staaten in diesen Krieg planmäßig führten. Nochmal zur Erinnerung: Nicht die Bundeswehr Generäle haben entschieden in den Kosovo oder nach Afghanistan zu gehen, sondern SPD und Grüne, also die Partein, die jahrzehntelang erklärten, Krieg darf kein Mittel der Politik sein. Vielleicht sollte man 100 Jahre nach Ausbruch des 1. Weltkrieges nun doch mal genauer hinsehen, wer denn für den Ausbruch dieses Krieges tatsächlich verantwortlich ist. Und die Liste derer dürfte sehr lang sein, denn bei allem Unverständlichen was Bethmann-Hollweg 1914 getan hat, ist auch er nur einer von vielen, die die Verantwortung tragen, denn dieser Krieg wurde offensichtlich schon geplant lange bevor Bethmann-Hollweg Kanzler wurde.
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